Der Herbst des Lebens ist bunt

München Es ist einer der ersten goldenen Oktobertage und Vera Brugsch und ihr Mitbewohner Jakob Mayridl sitzen gemeinsam am Tisch und trinken Tee. Bei ihnen soll heute der Herbst zu Hause einziehen. Die beiden wohnen im evangelischen Pflegezentrum Sendling, wo heute ein Kurs der VHS zum Motto „Den Herbst mit allen Sinnen erleben“ stattfinden wird. Das Thema löst bei Frau Brugsch schon vorab Erinnerungen aus. An ihre Kindheit auf dem Land. Ans Laubkehren. Und an ihren Hund, Klipp hieß der, der es geliebt habe, sich im zusammengekehrten Laubhaufen zu wälzen. „Das Durcheinander hat mir ehrlich gesagt auch besser gefallen“, verteidigt sie ihn.

 

Auf einem Tisch nebenan im Wohnzimmer hat Bärbel Zirkel Herbstlaub, Kürbisse und Kastanien zu einem herbstlichen Stillleben auf abwischbaren Tischdecken drapiert. Zirkel hatte über 35 Jahre einen Blumenladen in Pullach, diesen aber aufgegeben. Inzwischen ist sie Gartentherapeutin und gibt Natur-Kurse meistens in Wohngemeinschaften für Demente. Sie will die Natur zu denen bringen, die sie nicht mehr eigenständig besuchen können. Heute hat sich ein Halbkreis mit rund 20 Zuhörern vor ihr versammelt. 

 

Insgesamt leben im Pflegezentrum im Münchener Süden 214 Senioren. Im Eingangsbereich hängen Mobiles mit Zetteln, auf denen die Namen der Bewohner stehen. Frau Brugschs Blatt hängt im Mobile der Etage 1.

 

Toll sieht das aus, sieht das nicht toll aus?, fragen die Pfleger die Alten und zeigen auf bunte Blätter in Bordeaux und Bernsteinfarben. „Lachen sie doch mal“, bittet ein Betreuer eine Bewohnerin. Ihre Mundwinkel hängen vom Alter gezeichnet tief herunter. „Na gut, für Sie“, sagt sie, lächelt und lehnt ihm anschließend ihren Kopf entgegen. Ihre Stirn an seiner. Sie schließt die Augen. Lächelt noch einmal. Dieses Mal nur für sich.

 

In das Stillleben vorne kommt Bewegung. Bärbel Zirkel ist fertig und stemmt die Hände in die Hüften. „So“, sagt sie gedehnt und ihre schneckenförmigen Ohrringe wippen beim Begrüßungsnicken in die Runde. Es ist Zirkels erster Kurs für die VHS. „Ich habe mein Geschäft aufgegeben, auch weil ich nicht mehr den Konsum der Menschen bedienen wollte“, sagt sie. Mit der Gartentherapie will sie anderen etwas Gutes tun und Erinnerungen an Früher wecken.

 

Hände, durchsichtig wie Papier, greifen in knuspriges Laub in Weidenkörbchen. Frau Brugsch fährt mit den Fingern über ihre Rosenquarzkette. Sie kennt etliche Bäume aus ihrer Kindheit, ist auf einer Gärtnerei groß geworden und weiß die Antworten auf Zirkels Fragen meistens als Erste, beobachtet das Geschehen aber lieber aus der zweiten Reihe.

 

„Wenn wir älter werden, sind wir ja auch nicht mehr so glatt“, sagt Zirkel und lehnt sich mit einem Stück Weißdorn-Rinde reihum vor in den Rollstuhlhalbkreis. Einige lachen, andere seufzen. Dann gibt es Kastanien für alle. 

 

„Halt, das ist keine Schokolade!“, sagt eine Pflegerin entsetzt, als sich eine Dame ihre Kastanie gerade in den Mund schieben will. Ertappt hält die Dame in der Bewegung inne. „Nein, das tue ich nicht“, entgegnet sie der Pflegerin laut. Zirkel sagt, Männer hätten früher aus Kastanien Shampoo gemacht – gut gegen Haarausfall. „Der Mann da vorne hat es wohl nicht genutzt“, flüstert Frau Brugsch und nickt kichernd in Richtung eines Bewohners mit Glatze. Währenddessen lässt die alte Dame ihre Kastanie unbeobachtet in den Mund flutschen. Genüsslich schiebt sie die Nuss umher. „Raus damit!“, verlangt die Pflegerin und hält ihr die Handfläche vors Gesicht. Die Dame schaut ihre Pflegerin ernst an, überlegt und schüttelt dann energisch den Kopf.

 

Bärbel Zirkel lässt vorne Lindensamen herabsegeln. Sie drehen sich wie kleine Hubschrauber. Über die Linde gibt es auch schöne Lieder, erzählt Zirkel. Und ohne viel Zutun beginnt die Runde das Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ zu singen. 

 

Linden verlieren im Herbst besonders lange ihre Blätter, Frau Brugsch weiß das. Sie habe lange Laub kehren müssen, bis alle Blätter unten war. Mit ihrem Hund habe sie sich damals gern aufs nah gelegene Moor geschlichen. Erinnert sich noch an Klipp-Rettungsaktionen aus dem Schlick, an die Nebelschwaden und das goldene Licht im Oktober. „Ich hab gewusst dass Herbst wird, wenn die Äpfel nicht mehr so sauer waren“, sagt sie. Brugsch ist im Juli 1935 geboren. In ihrer Kindheit war der Zweite Krieg in vollem Gange. Die reifen Äpfel habe sie mit anderen Kindern ins drei Kilometer entfernte Hannover gebracht, zu den Hungernden in den Trümmern.

 

Melancholisch macht der Herbst sie nicht. „Dafür bin ich zu rational. Es kommt ja immer was Neues“, sagt sie. Brugsch war jahrelang Richterin am Landgericht in München.

 

„Wo findet man denn Eichenblätter?“, fragt Bärbel Zirkel in die Runde. „Auf dem Friedhof“, sagt eine Bewohnerin. Auf den Tod will Zirkel allerdings nicht hinaus. Der Herbst sei doch bunt und schön.

 

Eine Studie des Statistischen Bundesamtes belegt, dass das Sterberisiko im September rund sieben Prozent und im Oktober rund drei Prozent unter dem Jahresdurchschnitt. Februar ist der Sterbemonat – nicht der Herbst. Wenn im Pflegeheim jemand stirbt, dann wird das Namensblatt vom Mobile im Eingangsbereich abgenommen. Der Pastor wird es behalten und im nächsten Osterfeuer verbrennen. Durchschnittlich sterben im Pflegezentrum rund 80 Senioren im Jahr.

 

Eichenblätter brauchen in der Natur rund drei Jahre, bis sie sich komplett zersetzt haben. Die Kastanie der Dame hat eine kürzere Überlebensdauer. Erstaunt holt sie gelegentlich weiße Nussstückchen aus dem Mund hervor. Nickt oder macht ein erstauntes Geräusch und schiebt es sich wieder zurück in den Mund.

 

Nach einer Stunde endet der Kurs von Bärbel Zirkel. Zeit fürs Abendessen. Die Runde rollt zurück ins Esszimmer. Beim Tee hatte Frau Brugsch hier Herrn Mayridl noch gefragt, ob er auch mitkomme. Um was es nochmal ginge, hat er gefragt.

 

Sie: „Den Herbst!“

 

Er: „Dann nicht, wenn`s um den Frühling gegangen wäre, dann ja, aber der kommt wohl nie wieder.“

 

„Der kommt wieder, ob man will oder nicht, Herr Mayridl“, hatte Frau Brugsch entgegnet, dabei gelacht und trotzdem klang es wie eine Ermahnung. Es sei doch schön, wenn was passiert. Schön sei das. Herr Mayridl hat ihr hinterher gesehen und ist mit seinem Rollstuhl über den grün gefilzten Gang in Richtung Zimmer gerollt.

 

„Kommen Sie auch mit?“, fragte ihn da eine Pflegerin. Und vielleicht war es Demenz, vielleicht der Unwille allein zu sein, vielleicht waren es aber auch Frau Brugschs Worte, die ihn umgestimmt haben.

 

„Warum nicht“, sagte Mayridl und folgte den anderen ins Wohnzimmer. Den Herbst mit allen Sinnen zu erleben, das will sich auch im Altersheim keiner wirklich entgehen lassen.

 

 

 

(Der Text ist 2019 im Masterkurs Reportage von Roman Deiniger (SZ) am ifp in München entstanden.)